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Komplementärwährungen – Schutz und Förderung für die Regionen

Am 7. Okto­ber 2010 hatte Objec­tif Plein Emploi Franz Gal­ler zu Gast, ein Experte in Sachen Genos­sen­schaf­ten und Regio­nalwäh­run­gen, auch Kom­ple­mentärwäh­run­gen genannt. Gal­ler, frü­her in einer Bank tätig, hat 2002 in sei­ner Hei­mat, dem Berch­tes­gar­de­ner Land im Südos­ten Bayerns, zuerst einen Verein für orga­ni­sierte Nach­bar­schaft­shilfe und 2007 eine Genos­sen­schaft, die RegioS­TAR eG, ins Leben geru­fen und war maß­ge­blich an der Einfüh­rung einer Kom­ple­mentärwäh­rung, dem euro­ge­deck­ten “Stern­ta­ler” betei­ligt.

Das fol­gende Inter­view wurde mit Herrn Gal­ler in Pétange geführt.

Deut­sch - Fran­çais

FRANZ GALLER_2OPE: Herr Gal­ler, wie kommt man auf die Idee, eine Kom­ple­mentärwäh­rung ein­zufüh­ren?

Franz Gal­ler (FG): Ich habe keine Kom­ple­mentärwäh­rung ein­geführt, das war nicht die Grun­di­dee; das ist ein­fach dann im Nach­hi­nein gekom­men, weil die Ziele und Zwe­cke, die wir sowohl mit dem Verein als auch mit den Sozial­ge­nos­sen­schaf­ten ver­fol­gen, diese kom­ple­mentä­ren Wäh­run­gen als Werk­zeug benö­tigt haben. Geld zu machen, das zu unse­ren Zie­len passt, ist ein­fach etwas sehr Posi­ti­ves, wobei mein großes Vor­bild Frie­drich Wil­helm Raif­fei­sen ist. Ich selbst habe auch bei einer klei­nen Zweig­stelle der Raif­fei­sen­bank gelernt. Ich denke, dass Frie­drich Wil­helm Raif­fei­sen, wenn er heute leben würde, mit der Ent­wi­ck­lung der Ban­ken sicher nicht zufrie­den wäre, aber dass er diese kom­ple­mentä­ren Wäh­run­gen als sehr sehr wich­tig emp­fin­den würde. Von daher ist das für mich abso­lut stim­mig.

OPE: Da Sie aus dem Ban­ken­we­sen kom­men: Wie haben denn Ihre Kol­le­gen aus der Ban­ken­welt rea­giert, als die all­ge­meine Öffent­li­ch­keit am Pro­jekt “Stern­ta­ler” betei­ligt wurde? Wel­che Reak­tio­nen hat es da gege­ben?

FG: Ich denke, ganz men­schlich. Sie haben wie alle Men­schen rea­giert, wenn sie mit dem Stern­ta­ler zu tun haben. Man ist ent­we­der für oder gegen den Stern­ta­ler. Denn der Stern­ta­ler betrifft ja das Thema Geld und übli­cher­weise spre­chen wir nicht über Geld, aber beim Stern­ta­ler ist das anders. Ich rede hier gerne über das Geld und seine Wir­kun­gen. Auch bei den Ban­kern gibt es unter­schied­li­che Ansich­ten hierzu. Die einen inte­res­sie­ren sich dafür, andere wie­de­rum hal­ten es für einen völ­li­gen Blöd­sinn, weil wir mit die­sem Sys­tem an ihren Grund­fes­ten rüt­teln. Ich möchte dies ein­mal anhand von zwei Bei­spie­len erläu­tern. Das erste Bei­spiel ist ein ehe­ma­li­ger Bank­kol­lege, der nach Beginn mei­ner Selbstän­dig­keit als Kol­lege zu mir kam. Er war 35 Jahre Lei­ter der Vermö­gens­be­ra­ter einer großen Bank und hat dort mit mir zusam­men­gear­bei­tet. Anfangs konnte er mit dem Thema “Kom­ple­mentärwäh­rung” nicht viel anfan­gen. Jetzt geht er mit dem Thema auch aus dem Her­zen heraus um und betei­ligt sich selbst an der Genos­sen­schaft und unterstützt mich. Auf der ande­ren Seite gibt es auch Kon­fron­ta­tio­nen, z. B. bei regio­na­len Ban­ken, wo ich eigent­lich die größ­ten Chan­cen sehe. Der Auf­trag der Raif­fei­sen­ban­ken, Volks­ban­ken und Spar­kas­sen betrifft ja genau das, was wir tun: Schutz und För­de­rung von Region, regio­na­ler Wirt­schaft, Umwelt, Sozia­lem und Kul­tur. Wenn diese Ban­ken vers­te­hen wür­den, wel­che Ziele wir eigent­lich haben, sehe ich hier unheim­lich viele Chan­cen.

OPE: Momen­tan zah­len die tra­di­tio­nel­len Ban­ken ihren Mana­gern wie­der Pro­vi­sio­nen in Mil­lio­nenhöhe. Haben die nichts aus der Krise gelernt?

FG: Haben Sie etwas ande­res erwar­tet? Ich denke, dass das Fatale bei der gan­zen Ges­chichte ist, dass wir in einem ges­chlos­se­nen nach­hal­ti­gen Sys­tem leben. Das bedeu­tet, hier auf der Erde leben wir in einem ganz­heit­li­chen Sys­tem. Der Begriff “Na­ch­hal­tig­keit” wurde im 18. Jah­rhun­dert in der Forst­wirt­schaft das erste Mal ver­wen­det und bedeu­tet: was kann ich einem Wald ent­neh­men, damit er am Bes­tand erhal­ten bleibt? Maxi­mal ein bis zwei Pro­zent Res­sour­ce­nent­nahme zur nach­hal­ti­gen Siche­rung des Bes­tands – mehr gehen nicht. Heute ver­langt z. B. Herr Acker­mann von der Deut­schen Bank eine nach­hal­tige Eigen­ka­pi­tal­ren­dite von 15 bis 20 Pro­zent, und das geht ein­fach nicht. Wir kön­nen zwar die Res­sour­cen aus­plün­dern, wir kön­nen ver­su­chen, ver­meint­lich kos­ten­lose Dinge wie Umwelt, Natur oder die men­schli­che Arbeits­kraft – Human­ka­pi­tal sagt man ja – als Gewinn­maxi­mie­rung zu ver­wen­den, aber ins­ge­samt wird das Sys­tem nicht lange funk­tio­nie­ren. Von daher glaube ich, dass wir hier ein Kern­pro­blem haben, das nur durch Infor­ma­tion und auch durch Verständ­nis für die Situa­tion gelöst wer­den kann. Ich glaube, das Pro­blem kön­nen wir nicht sch­nell lösen, es wird sich ein­fach erge­ben.

OPE: Eine abschließende Frage: In wel­cher Art und Weise kön­nen und wol­len Sie das Geld­we­sen noch verän­dern? Über den Stern­ta­ler und andere alter­na­tive Wäh­run­gen hinaus: Haben Sie noch wei­tere Ideen?

FG: Wich­tig ist mir zu sagen, dass ich nicht unbe­dingt Kapi­ta­lis­mus- oder Glo­ba­li­sie­rung­sge­gner bin, nein, ich bin ein Gegner die­ses Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus, wo der Men­sch nur noch Werk­zeug und Mit­tel zum Zweck ist, und ich bin auch Glo­ba­li­sie­rung­sge­gner, wenn die Glo­ba­li­sie­rung nur noch wirt­schaft­lich gese­hen wird. Ich glaube, dass es immer glo­bale Wäh­run­gen geben muss, ja. Aber glo­bale Wäh­run­gen bein­hal­ten - ein­fach durch die Ver­bin­dung mit dem kapi­ta­lis­ti­schen Finanz­sys­tem, das wir haben und das immer mehr zum Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus mutiert - ein­fach als Werk­zeug auch sehr sehr große Gefah­ren und Neben­wir­kun­gen. Mein Wun­sch wäre, dass wir das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem wie­der auf ein sol­ches Maß herun­ter­fah­ren, dass das Geld zum Werk­zeug und zum Mit­tel wird und unse­ren Zie­len dient und nicht wir dem Geld die­nen. Das ist das Kern­pro­blem. Wei­te­rhin brau­chen wir für die Bekämp­fung der Arbeits­lo­sig­keit sowie für soziale Belange und den Umwelt­schutz regio­nal oder auch lokal alter­na­tive Wäh­run­gen. Das heißt für mich, dass wir Geld so anle­gen kön­nen, wie wir es wol­len und brau­chen. Wir soll­ten Geld wie unsere zwei Alter­na­tivwäh­run­gen - Stern­ta­ler und Talente - so ver­wen­den, dass unsere Ziele bestmö­glich erreicht wer­den. Es sollte viele Wäh­run­gen nebe­nei­nan­der geben, das wäre mein Wun­sch.

Article modifié le jeudi 21 octobre 2010, 09:22

Auteur: Harry Schüler

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Schottenröckchen ·  17 octobre 2010, 08:10

what a splendid piece of text, I could not have phrased it better..

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