Komplementärwährungen – Schutz und Förderung für die Regionen
Publié le vendredi 15 octobre 2010, 11:44 - Coups de chapeau - Lien permanent
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Am 7. Oktober 2010 hatte Objectif Plein Emploi Franz Galler zu Gast, ein Experte in Sachen Genossenschaften und Regionalwährungen, auch Komplementärwährungen genannt. Galler, früher in einer Bank tätig, hat 2002 in seiner Heimat, dem Berchtesgardener Land im Südosten Bayerns, zuerst einen Verein für organisierte Nachbarschaftshilfe und 2007 eine Genossenschaft, die RegioSTAR eG, ins Leben gerufen und war maßgeblich an der Einführung einer Komplementärwährung, dem eurogedeckten “Sterntaler” beteiligt.
Das folgende Interview wurde mit Herrn Galler in Pétange geführt.
OPE: Herr Galler, wie kommt man auf die Idee, eine Komplementärwährung einzuführen?
Franz Galler (FG): Ich habe keine Komplementärwährung eingeführt, das war nicht die Grundidee; das ist einfach dann im Nachhinein gekommen, weil die Ziele und Zwecke, die wir sowohl mit dem Verein als auch mit den Sozialgenossenschaften verfolgen, diese komplementären Währungen als Werkzeug benötigt haben. Geld zu machen, das zu unseren Zielen passt, ist einfach etwas sehr Positives, wobei mein großes Vorbild Friedrich Wilhelm Raiffeisen ist. Ich selbst habe auch bei einer kleinen Zweigstelle der Raiffeisenbank gelernt. Ich denke, dass Friedrich Wilhelm Raiffeisen, wenn er heute leben würde, mit der Entwicklung der Banken sicher nicht zufrieden wäre, aber dass er diese komplementären Währungen als sehr sehr wichtig empfinden würde. Von daher ist das für mich absolut stimmig.
OPE: Da Sie aus dem Bankenwesen kommen: Wie haben denn Ihre Kollegen aus der Bankenwelt reagiert, als die allgemeine Öffentlichkeit am Projekt “Sterntaler” beteiligt wurde? Welche Reaktionen hat es da gegeben?
FG: Ich denke, ganz menschlich. Sie haben wie alle Menschen reagiert, wenn sie mit dem Sterntaler zu tun haben. Man ist entweder für oder gegen den Sterntaler. Denn der Sterntaler betrifft ja das Thema Geld und üblicherweise sprechen wir nicht über Geld, aber beim Sterntaler ist das anders. Ich rede hier gerne über das Geld und seine Wirkungen. Auch bei den Bankern gibt es unterschiedliche Ansichten hierzu. Die einen interessieren sich dafür, andere wiederum halten es für einen völligen Blödsinn, weil wir mit diesem System an ihren Grundfesten rütteln. Ich möchte dies einmal anhand von zwei Beispielen erläutern. Das erste Beispiel ist ein ehemaliger Bankkollege, der nach Beginn meiner Selbständigkeit als Kollege zu mir kam. Er war 35 Jahre Leiter der Vermögensberater einer großen Bank und hat dort mit mir zusammengearbeitet. Anfangs konnte er mit dem Thema “Komplementärwährung” nicht viel anfangen. Jetzt geht er mit dem Thema auch aus dem Herzen heraus um und beteiligt sich selbst an der Genossenschaft und unterstützt mich. Auf der anderen Seite gibt es auch Konfrontationen, z. B. bei regionalen Banken, wo ich eigentlich die größten Chancen sehe. Der Auftrag der Raiffeisenbanken, Volksbanken und Sparkassen betrifft ja genau das, was wir tun: Schutz und Förderung von Region, regionaler Wirtschaft, Umwelt, Sozialem und Kultur. Wenn diese Banken verstehen würden, welche Ziele wir eigentlich haben, sehe ich hier unheimlich viele Chancen.
OPE: Momentan zahlen die traditionellen Banken ihren Managern wieder Provisionen in Millionenhöhe. Haben die nichts aus der Krise gelernt?
FG: Haben Sie etwas anderes erwartet? Ich denke, dass das Fatale bei der ganzen Geschichte ist, dass wir in einem geschlossenen nachhaltigen System leben. Das bedeutet, hier auf der Erde leben wir in einem ganzheitlichen System. Der Begriff “Nachhaltigkeit” wurde im 18. Jahrhundert in der Forstwirtschaft das erste Mal verwendet und bedeutet: was kann ich einem Wald entnehmen, damit er am Bestand erhalten bleibt? Maximal ein bis zwei Prozent Ressourcenentnahme zur nachhaltigen Sicherung des Bestands – mehr gehen nicht. Heute verlangt z. B. Herr Ackermann von der Deutschen Bank eine nachhaltige Eigenkapitalrendite von 15 bis 20 Prozent, und das geht einfach nicht. Wir können zwar die Ressourcen ausplündern, wir können versuchen, vermeintlich kostenlose Dinge wie Umwelt, Natur oder die menschliche Arbeitskraft – Humankapital sagt man ja – als Gewinnmaximierung zu verwenden, aber insgesamt wird das System nicht lange funktionieren. Von daher glaube ich, dass wir hier ein Kernproblem haben, das nur durch Information und auch durch Verständnis für die Situation gelöst werden kann. Ich glaube, das Problem können wir nicht schnell lösen, es wird sich einfach ergeben.
OPE: Eine abschließende Frage: In welcher Art und Weise können und wollen Sie das Geldwesen noch verändern? Über den Sterntaler und andere alternative Währungen hinaus: Haben Sie noch weitere Ideen?
FG: Wichtig ist mir zu sagen, dass ich nicht unbedingt Kapitalismus- oder Globalisierungsgegner bin, nein, ich bin ein Gegner dieses Turbokapitalismus, wo der Mensch nur noch Werkzeug und Mittel zum Zweck ist, und ich bin auch Globalisierungsgegner, wenn die Globalisierung nur noch wirtschaftlich gesehen wird. Ich glaube, dass es immer globale Währungen geben muss, ja. Aber globale Währungen beinhalten - einfach durch die Verbindung mit dem kapitalistischen Finanzsystem, das wir haben und das immer mehr zum Turbokapitalismus mutiert - einfach als Werkzeug auch sehr sehr große Gefahren und Nebenwirkungen. Mein Wunsch wäre, dass wir das kapitalistische System wieder auf ein solches Maß herunterfahren, dass das Geld zum Werkzeug und zum Mittel wird und unseren Zielen dient und nicht wir dem Geld dienen. Das ist das Kernproblem. Weiterhin brauchen wir für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sowie für soziale Belange und den Umweltschutz regional oder auch lokal alternative Währungen. Das heißt für mich, dass wir Geld so anlegen können, wie wir es wollen und brauchen. Wir sollten Geld wie unsere zwei Alternativwährungen - Sterntaler und Talente - so verwenden, dass unsere Ziele bestmöglich erreicht werden. Es sollte viele Währungen nebeneinander geben, das wäre mein Wunsch.
Article modifié le jeudi 21 octobre 2010, 09:22




what a splendid piece of text, I could not have phrased it better..