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Tanz der Vampire

Hand aufs Herz – wie oft, sagen wir in die­sem Monat, haben Sie schon die Auf­merk­sam­keit ande­rer auf sich gezo­gen, mit vor­ges­cho­be­nen Argu­men­ten und obwohl Sie eigent­lich gar nichts zu sagen hat­ten?

Sie ken­nen das bes­timmt, hau­fen­weise Emails von Kol­le­gen, die auf irgend­wel­che Kon­fe­ren­zen oder Verans­tal­tun­gen hin­wei­sen und dies zu The­men, die ange­blich wich­tig für unse­ren kri­ti­schen Blick auf die Welt von mor­gen sind, uns aber eigent­lich noch nie inte­res­siert haben.
Nächs­ten Mon­tag kommt Herr X, Experte im Bereich Nano-Bio­tech­no­lo­gie, eine abso­lute Ehre für Luxem­burg, dass diese Aus­nah­meer­schei­nung sich in unser Land begibt, Dabei­sein ist ein Must.
In 2 Mona­ten, eine Verans­tal­tung im angren­zen­den Aus­land, orga­ni­siert von irgen­dei­nem Verein, der die Fortp­flan­zung der in Zoos leben­den Eisbä­ren anre­gen möchte, auf geht’s, fah­ren Sie dahin.
Heute Abend im Fern­se­hen, Frau Soundso war 14 Tage auf den Cai­man Islands und erzählt uns, nein, nicht etwas über Geldwä­sche­rei, son­dern die lokale Vege­ta­tion, die sich auf­grund der hohen Anzahl an Pri­vat­jach­ten und deren Abga­sausstöße unwie­der­brin­glich verän­dert hat.

Das schlimm­ste bei der gan­zen Sache, es han­delt sich um Emails, die die lie­ben Kol­le­gen sel­ber erhal­ten haben und die sie nur wei­ter­lei­ten. Ähn­lich wie ein Tritt­brett­fah­rer haf­ten sie sich an die Nachricht und hof­fen, durch das Wei­ter­lei­ten fällt ein bis­schen Son­nen­licht auf sie. Sie tun dies ganz ohne Kom­men­tar. Ganz ein­fach Sam­mel­mail an die gesamte Beleg­schaft, aus 1 mach 1 000. Sol­len die Empfän­ger doch schauen, wie sie klar kom­men. Sie haben sich zu inte­res­sie­ren! Sie müs­sen erken­nen, wie cle­ver der Absen­der ist, dass er ihnen so eine Mail wei­ter­lei­tet. Ansons­ten kön­nen sie die Mail ja löschen. Wobei sie dies bitte für sich behal­ten sol­len, schließ­lich sind sie es, die die Wich­tig­keit des Sach­ve­rhalts ver­ken­nen.
Man stelle sich das mal vor: 1 Per­son bekommt 1 Mail, die sie für durch­sch­nit­tlich inte­res­sant hält und schickt sie an alle Kol­le­gen wei­ter. Ohne diese Mail zu kom­men­tie­ren, wie gesagt, denn dies würde ja bedeu­ten, sie ver­wen­det Zeit hie­rauf, sie gibt sich irgend­wie Mühe, hin­ter­fragt den Inhalt und über­legt sich, für wen die­ser inte­res­sant sein könnte. Kurz­schluss zwi­schen Hirn und Tas­ta­tur – Trans­fer. Kon­se­quenz: 999 Per­so­nen drü­cken inne­rhalb 2 Sekun­den nach­dem sie die Mail ange­le­sen haben auf Delete, okay sagen wir 979, die ande­ren brau­chen etwas län­ger, sie geben der Sache auch noch beim 150s­ten Mal eine Chance. Und 999, die sich den­ken, „Was der darf, darf ich auch“. Und ver­sen­den auch Mails. But­ter­flyef­fekt.

Einige von Ihnen wer­den jetzt sagen, „Ja, das ist die Schuld der Infor­ma­tions­tech­no­lo­gien, sie lösen Kom­mu­ni­ka­tion und persön­li­chen Kon­takt vonei­nan­der. Sie machen es einem viel zu ein­fach.“
Aus­rede! Sehr sch­wach! Ein Vers­te­cken hin­ter dem eigent­li­chen Pro­blem. Ähn­lich wie die Behaup­tun­gen, die Ban­ken seien „Schuld“ an der Finanz­krise, der „Grund“ für die Umwelt­krise sei die Erderwär­mung.
Schuld ist der Men­sch, wir, jedes Mal wie­der! Und in unse­rem heu­ti­gen Fall, die Eitel­keit des Men­schen, der unbe­dingte Wille sich auch ein­mal in den Vor­der­grund zu stel­len. Auch ein­mal Ini­tia­tor für etwas zu sein, irgen­det­was, egal was, selbst wenn man hierfür die Welt­ver­bes­se­rung vor­schie­ben muss.

Ges­tern konnte ich mich durch Zufall mit einem Pres­se­ver­tre­ter über die­ses Verhal­ten unte­rhal­ten. Die­ser bekommt nicht nur Mails zu Din­gen, die ihn inte­res­sie­ren sol­len, son­dern auch Anrufe, die ihn auf mehr oder weni­ger wich­tige gesell­schafts­po­li­ti­sche Ent­wi­ck­lun­gen auf­merk­sam machen. Natür­lich damit er diese „bringt“, zum Wohle unse­res Lan­des. Als verant­wor­tungs­be­wusste Per­son und pro­fes­sio­nel­ler Jour­na­list hin­ter­fragt er. Mit einem wun­der­ba­ren Satz. Die­sen Satz, diese Frage, werde ich in Zukunft jedem stel­len, der mich sei­nen Nich­tig­kei­ten aus­setzt und meint, ich solle seine Den­kar­beit für ihn machen, ihm eine Dars­tel­lung­splatt­form bie­ten. Ich habe es heute schon ein paar Mal aus­pro­biert, die Reak­tio­nen sind herr­lich. Stut­zen, verständ­nis­lo­ses Grin­sen, i.d.R. Spra­chlo­sig­keit. Noch konnte ich kein wirk­li­ches Ein­se­hen ent­de­cken, aber es braucht seine Zeit bis man lieb gewon­nene Gewohn­hei­ten in Frage stellt. Nur 4 Worte, die bes­ser nicht pas­sen könn­ten, die die grauen Zel­len anre­gen und die eigene Spür­nase akti­vie­ren, einen auf die Suche schi­cken und hof­fent­lich in Zukunft davon ablen­ken, andere zu beläs­ti­gen:

Where is the beef?

Auteur: Christina Schürr

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