Fjällbete oder "Lasst die Lämmer fliessen"
Publié le lundi 26 octobre 2009, 15:48 - Coups de chapeau - Lien permanent
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Ein später Mittwoch Vormittag, Ende September. Es ist sehr kalt draußen. In der Nacht hat es den ersten Frost gegeben. Wir, eine Gruppe von rund 20 Personen aus aller Herrenländer, sitzen in einem Bus und fahren durch das Jämtland in Richtung Are. Noch kennen wir uns nicht sehr gut, doch es gibt bereits die ersten Gespräche. Schließlich haben wir alle etwas gemein, wir arbeiten, lehren oder forschen im Bereich der Sozial- und Solidarwirtschaft (SSW) und sind hier, weil wir nicht nur an der 2. CIRIEC Konferenz teilnehmen (siehe hierzu Tageblatt vom 14.10.2009), sondern auch, um das schwedische Modell der SSW genauer kennenzulernen.
Die Gegend ist wunderschön und, was einem sofort auffällt, dünn besiedelt. Die freie Natur hat hier eindeutig die Oberhand, vor allem satte, grasgrüne Weiden. Typische Schwedenidylle eben.
Gegen halb zwölf hält unser Bus an einer dieser Weiden. Unsere Reisebegleitung, Linda Forss, meint nur kurz: „Bevor wir uns zum Mittagessen zusammensetzen und ich Ihnen mehr von unserer Arbeit hier erzähle, wollte ich, dass sie unsere Schafe kennenlernen. Es ist uns wichtig, dass Sie eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Sie sind ein elementarer Bestandteil unseres Lebens hier.“ Und mit einem Augenzwinkern fügt sie hinzu: „Das werden sie auch von unserem Mittagessen sein.“
Dies mag makaber klingen, doch zeigt es nur den Respekt, den Weit- und den Realitätssinn, mit dem die Menschen sich hier organisiert haben. Auf der Weide befinden sich rund 200 Jungschafe, alles Böcke, die in den nächsten Tagen zum Schlachter gebracht werden, damit ihr Fleisch und ihre Wolle die Existenz von vielen garantieren. Denn um die Aufzucht und den Verkauf der Schafe hat sich eine ganze Gemeinschaft organisiert.
Der Ausgangspunkt: Jämtland, eine der Touristenregionen Schwedens. Und die Tatsache, dass man eines hier en masse besitzt: Gras. So hat sich vor einigen Jahren eine Gruppe von Leuten zusammengetan, darunter Linda, und Fjällbete gegründet. Das Wort alleine ist eine Danksagung an die Natur, das Weideland, das im Überfluss besteht.
Rechtlich gesehen ist Fjällbete eine Genossenschaft. Ihre Mitglieder – die Leute aus der Umgebung, Privatpersonen, Restaurantbesitzer, Schlachter, Metzgermeister, Hoteliers, Landeigentümer, ein jeder eben, der in der Gegend wohnt und an ihrer Entwicklung interessiert ist und dem gleichzeitigen Erhalt der Lebensqualität und des sozialen Zusammenhalts für die Bewohner.
Philosophisch gesehen, eine andere Gesellschaftsform. Das Leben und Arbeiten ist hier bestimmt durch ein ständiges Nehmen und Geben. Man lebt miteinander, für die Schafe. In den Zeiten der Aufzucht sind freiwillige Helfer vorhanden, die mit anpacken, wo Not am Mann ist. Im Frühling, wenn die Weiden übersät sind mit Lämmern, laufen Informations- und Sensibilisierungsaktionen mit und für die Einwohner. Einrichtungen für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche haben Partnerschaften mit Fjällbete entwickelt – was uns die Reittherapie ist, ist anderen die Kontrolle der Bezäunung der Schafsweiden. Restaurants und Hotels arbeiten Hand in Hand, um sich nicht gegenseitig die Kunden abzuwerben. Man hat sich gemeinsam darauf geeinigt, nur ein Versammlungs- und Kongresszentrum in der Gegend zu errichten, sich gegenseitig keine Konkurrenz zu machen. Landeigentümer stellen ihre Weiden eher den Schafsherden zur Verfügung, als sie als Bauterrain zu veräußern. Wenn es um den Verkauf des Fleisches geht, werden kleine Einrichtungen bevorzugt, die großen Hotelketten haben schließlich andere Bezugsmöglichkeiten. Abgenommen werden die Schafe im Ganzen, zerteilt vor Ort in den Küchen, der Bezug zum Tier soll so lange wie möglich bestehen bleiben. Die Bezahlung erfolgt im Voraus. In den einzelnen Dörfern wird nicht nur die Wolle der Schafe verarbeitet, Tischler und Dekorateure haben sich niedergelassen und bieten ihre Ware an. Nicht in eigens gebauten Geschäftszentren, man blicke einfach nur durchs Fenster eines Hauses und wenn einem etwas gefällt, ist man herzlich eingeladen an der Tür zu klingeln, um über den Verkauf zu verhandeln.
Heute leben die Menschen gut davon. Es ist sicherlich kein Leben im materiellen Überfluss, aber wenn man sie sieht und mit ihnen spricht, spürt man die tiefe Zufriedenheit, die von ihnen ausgeht.
Die Grundlage von Fjällbete ist der Wille, sich anders zu organisieren. Linda war vor vielen Jahren von zuhause weggegangen, „um anders die Welt zu retten“, wie sie selber sagt. Sie ist zurückgekommen und will in ihrer Heimat bleiben. Sie und die anderen wollen die Entwicklung ihrer Heimat selbst in die Hand nehmen, sie nicht den anderen, sei es dem Staat, der EU oder Privatinvestoren, überlassen. Man hat sich den Gegebenheiten angepasst, ohne klein beizugeben. Die Umstände werden genutzt, um das Beste für den Menschen daraus zu machen.
Sollte es nicht genauso sein? Sollte die Wirtschaft nicht dazu da sein, dem Menschen das Leben zu erleichtern? Zu verschönern? Wohl nicht überall. Zumindest nicht immer. Derzeit ziehen einige es ja vor, Milch hektoliterweise ins Abwasser zu schütten.
Die Beziehung zu den Schafen auf der Weide hat sich übrigens entwickelt, bei uns allen. Es war auch nicht sehr schwer, bei einem Verhältnis von 1 zu 10 kapituliert es sich schnell. Hatten wir deswegen Skrupel beim Mittagessen? Einige sicherlich, ich auch. Ich habe das Fleisch nach einigem Zögern trotzdem probiert. Es war ausgezeichnet.
Mehr Informationen zu Fjällbete unter www.fjallbete.nu




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