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Fjällbete oder "Lasst die Lämmer fliessen"

Ein spä­ter Mitt­woch Vor­mit­tag, Ende Sep­tem­ber. Es ist sehr kalt draußen. In der Nacht hat es den ers­ten Frost gege­ben. Wir, eine Gruppe von rund 20 Per­so­nen aus aller Her­renlän­der, sit­zen in einem Bus und fah­ren durch das Jämt­land in Rich­tung Are. Noch ken­nen wir uns nicht sehr gut, doch es gibt bereits die ers­ten Ges­prä­che. Schließ­lich haben wir alle etwas gemein, wir arbei­ten, leh­ren oder for­schen im Bereich der Sozial- und Soli­dar­wirt­schaft (SSW) und sind hier, weil wir nicht nur an der 2. CIRIEC Kon­fe­renz teil­neh­men (siehe hierzu Tage­blatt vom 14.10.2009), son­dern auch, um das sch­we­di­sche Modell der SSW genauer ken­nen­zu­ler­nen.

Ostersund-2009-023.jpgDie Gegend ist wun­der­schön und, was einem sofort auffällt, dünn besie­delt. Die freie Natur hat hier ein­deu­tig die Obe­rhand, vor allem satte, gras­grüne Wei­den. Typi­sche Sch­we­de­ni­dylle eben. Gegen halb zwölf hält unser Bus an einer die­ser Wei­den. Unsere Rei­se­be­glei­tung, Linda Forss, meint nur kurz: „Bevor wir uns zum Mit­ta­ges­sen zusam­men­set­zen und ich Ihnen mehr von unse­rer Arbeit hier erzähle, wollte ich, dass sie unsere Schafe ken­nen­ler­nen. Es ist uns wich­tig, dass Sie eine Bezie­hung zu ihnen auf­bauen. Sie sind ein ele­men­ta­rer Bes­tand­teil unse­res Lebens hier.“ Und mit einem Augenz­win­kern fügt sie hinzu: „Das wer­den sie auch von unse­rem Mit­ta­ges­sen sein.“




Ostersund-2009-020.jpgDies mag maka­ber klin­gen, doch zeigt es nur den Res­pekt, den Weit- und den Rea­litäts­sinn, mit dem die Men­schen sich hier orga­ni­siert haben. Auf der Weide befin­den sich rund 200 Jung­schafe, alles Böcke, die in den nächs­ten Tagen zum Schlach­ter gebracht wer­den, damit ihr Flei­sch und ihre Wolle die Exis­tenz von vie­len garan­tie­ren. Denn um die Auf­zucht und den Ver­kauf der Schafe hat sich eine ganze Gemein­schaft orga­ni­siert. Der Aus­gang­spunkt: Jämt­land, eine der Tou­ris­ten­re­gio­nen Sch­we­dens. Und die Tat­sa­che, dass man eines hier en masse besitzt: Gras. So hat sich vor eini­gen Jah­ren eine Gruppe von Leu­ten zusam­men­ge­tan, darun­ter Linda, und Fjäll­bete gegrün­det. Das Wort alleine ist eine Dank­sa­gung an die Natur, das Wei­de­land, das im Über­fluss bes­teht.


Recht­lich gese­hen ist Fjäll­bete eine Genos­sen­schaft. Ihre Mit­glie­der – die Leute aus der Umge­bung, Pri­vat­per­so­nen, Res­tau­rant­be­sit­zer, Schlach­ter, Metz­ger­meis­ter, Hote­liers, Lan­dei­gentü­mer, ein jeder eben, der in der Gegend wohnt und an ihrer Ent­wi­ck­lung inte­res­siert ist und dem glei­ch­zei­ti­gen Erhalt der Lebens­qua­lität und des sozia­len Zusam­men­halts für die Bewoh­ner. Phi­lo­so­phi­sch gese­hen, eine andere Gesell­schafts­form. Das Leben und Arbei­ten ist hier bes­timmt durch ein stän­di­ges Neh­men und Geben. Man lebt mitei­nan­der, für die Schafe. In den Zei­ten der Auf­zucht sind frei­willige Hel­fer vorhan­den, die mit anpa­cken, wo Not am Mann ist. Im Früh­ling, wenn die Wei­den übersät sind mit Läm­mern, lau­fen Infor­ma­tions- und Sen­si­bi­li­sie­rung­sak­tio­nen mit und für die Ein­woh­ner. Ein­rich­tun­gen für sch­wer erzieh­bare Kin­der und Jugend­li­che haben Part­ner­schaf­ten mit Fjäll­bete ent­wi­ckelt – was uns die Reit­the­ra­pie ist, ist ande­ren die Kon­trolle der Bezäu­nung der Schaf­swei­den. Res­tau­rants und Hotels arbei­ten Hand in Hand, um sich nicht gegen­sei­tig die Kun­den abzu­wer­ben. Man hat sich gemein­sam darauf geei­nigt, nur ein Ver­samm­lungs- und Kon­gress­zen­trum in der Gegend zu errich­ten, sich gegen­sei­tig keine Kon­kur­renz zu machen. Lan­dei­gentü­mer stel­len ihre Wei­den eher den Schaf­sher­den zur Verfü­gung, als sie als Bau­ter­rain zu veräußern. Wenn es um den Ver­kauf des Flei­sches geht, wer­den kleine Ein­rich­tun­gen bevor­zugt, die großen Hotel­ket­ten haben schließ­lich andere Bezug­smö­gli­ch­kei­ten. Abge­nom­men wer­den die Schafe im Gan­zen, zer­teilt vor Ort in den Küchen, der Bezug zum Tier soll so lange wie möglich bes­te­hen blei­ben. Die Bezah­lung erfolgt im Voraus. In den ein­zel­nen Dör­fern wird nicht nur die Wolle der Schafe verar­bei­tet, Tischler und Deko­ra­teure haben sich nie­der­ge­las­sen und bie­ten ihre Ware an. Nicht in eigens gebau­ten Ges­chäfts­zen­tren, man bli­cke ein­fach nur durchs Fens­ter eines Hau­ses und wenn einem etwas gefällt, ist man herz­lich ein­ge­la­den an der Tür zu klin­geln, um über den Ver­kauf zu verhan­deln.


Ostersund-2009-024.jpgHeute leben die Men­schen gut davon. Es ist sicher­lich kein Leben im mate­riel­len Über­fluss, aber wenn man sie sieht und mit ihnen spricht, spürt man die tiefe Zufrie­den­heit, die von ihnen aus­geht. Die Grund­lage von Fjäll­bete ist der Wille, sich anders zu orga­ni­sie­ren. Linda war vor vie­len Jah­ren von zuhause weg­ge­gan­gen, „um anders die Welt zu ret­ten“, wie sie sel­ber sagt. Sie ist zurück­ge­kom­men und will in ihrer Hei­mat blei­ben. Sie und die ande­ren wol­len die Ent­wi­ck­lung ihrer Hei­mat selbst in die Hand neh­men, sie nicht den ande­ren, sei es dem Staat, der EU oder Pri­va­tin­ves­to­ren, über­las­sen. Man hat sich den Gege­ben­hei­ten ange­passt, ohne klein bei­zu­ge­ben. Die Umstände wer­den genutzt, um das Beste für den Men­schen daraus zu machen. Sollte es nicht genauso sein? Sollte die Wirt­schaft nicht dazu da sein, dem Men­schen das Leben zu erleich­tern? Zu ver­schö­nern? Wohl nicht übe­rall. Zumin­dest nicht immer. Der­zeit zie­hen einige es ja vor, Milch hek­to­li­ter­weise ins Abwas­ser zu schüt­ten. Die Bezie­hung zu den Scha­fen auf der Weide hat sich übri­gens ent­wi­ckelt, bei uns allen. Es war auch nicht sehr sch­wer, bei einem Verhält­nis von 1 zu 10 kapi­tu­liert es sich sch­nell. Hat­ten wir des­we­gen Skru­pel beim Mit­ta­ges­sen? Einige sicher­lich, ich auch. Ich habe das Flei­sch nach eini­gem Zögern trotz­dem pro­biert. Es war aus­ge­zeich­net.

Mehr Infor­ma­tio­nen zu Fjäll­bete unter www.fjall­bete.nu

Auteur: Christina Schürr

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